
Separating Fact from Fiction: An Empirical Examination of Six Myths About Dissociative Identity Disorder Autoren: Brand, Sar, Stavropoulos, Krüger, Korzekwa, Lewis-Fernández, & Middleton Journal: Harvard Review of Psychiatry
Das Paper prüft die wissenschaftliche Literatur (Stand 2016) hinsichtlich sechs weitverbreiteter Annahmen über die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), die sich bei näherer Betrachtung als Mythen herausstellen.
Mythos 1: DIS ist eine „Modeerscheinung“
Kritiker behaupten oft, das Interesse an DIS sei temporär gewesen. Die Daten zeigen das Gegenteil:
Historische Konstanz: Fälle werden seit dem 16. Jahrhundert beschrieben (z. B. Jeanne Fery, 1586).
Forschungsinteresse: Eine Suche in PsycInfo und MEDLINE (2000–2014) ergab 1.339 Publikationen, was ein anhaltendes, substanzielles wissenschaftliches Interesse belegt.
Validität: DIS lässt sich durch strukturierte Interviews (z. B. SCID-D-R) zuverlässig diagnostizieren und von Simulatoren unterscheiden.
Mythos 2: DIS ist ein nordamerikanisches Phänomen und wird überdiagnostiziert
Es wird oft angenommen, DIS gäbe es nur in den USA, diagnostiziert von wenigen „Gläubigen“.
Geografie: DIS wurde in Studien aus 16 verschiedenen Ländern identifiziert, darunter Deutschland, die Türkei, China, die Niederlande und Puerto Rico.
Diagnostiker: In einer Studie mit 292 Therapeuten waren die meisten keine DIS-Spezialisten.
Unter- statt Überdiagnose: Patienten verbringen im Schnitt 6 bis 12 Jahre im Gesundheitssystem, bevor sie die korrekte Diagnose erhalten. In einer türkischen Studie hatten 5 % der Patienten eine dissoziative Störung, aber keiner war zuvor diagnostiziert worden. In den USA wurde bei 29 % einer Klinik-Stichprobe eine dissoziative Störung festgestellt, aber nur 5 % hatten diese Diagnose in den Akten.
Mythos 3: DIS ist selten
Die Annahme, DIS sei eine Rarität, widerspricht den epidemiologischen Daten:
Allgemeinbevölkerung: Studien zeigen eine Prävalenz von 1,1 % bis 1,5 %. (Beispiele: 1,5 % in einer Stichprobe in New York; 1,1 % bei Frauen in der Türkei).
Klinische Stichproben: In psychiatrischen Kliniken liegt die Rate je nach Setting zwischen 0,4 % und 6,0 %. Besonders hoch (6 %) war sie in einer US-Studie mit schwer traumatisierten Personen in der Innenstadt.
Mythos 4: DIS ist iatrogen (durch Therapie verursacht) und nicht traumabasiert
Dies ist der wissenschaftlich am stärksten widerlegte Mythos (das sogenannte „Fantasie-Modell“ vs. „Trauma-Modell“).
Keine Belege für das Fantasie-Modell: Es gibt keine Studie an klinischen Populationen, die das Fantasie-Modell stützt. Suggestibilität erklärt nur 1–3 % der Varianz bei Dissoziation.
Starke Trauma-Korrelation: Meta-Analysen zeigen starke Effektstärken zwischen sexuellem Missbrauch im Kindesalter und Dissoziation (.54) sowie physischem Missbrauch und Dissoziation (.52).
Objektive Beweise: In einer Studie mit 12 verurteilten Mördern mit DIS fanden sich bei 11 von 12 objektive Beweise für schweren Kindesmissbrauch (Polizeiberichte, Jugendamtakten), obwohl die Täter diese Erfahrungen minimierten oder leugneten.
Kulturelle Beweise: DIS wurde in der Türkei und China bei Patienten gefunden, die keinerlei mediales Wissen über die Störung hatten, was eine kulturelle Suggestion ausschließt.
Mythos 5: DIS ist dasselbe wie Borderline-Persönlichkeitsstörung
Obwohl Komorbiditäten häufig sind, sind es unterschiedliche Störungsbilder.
Unterschiede: DIS-Patienten zeigen im Gegensatz zu BPS-Patienten ausgeprägte Amnesien und Identitätswechsel, die als „nicht-ich“ erlebt werden. Im Rorschach-Test zeigen DIS-Patienten eine höhere Fähigkeit zur Selbstreflexion und logischem Denken als BPS-Patienten.
Statistik: Zwar erfüllen 31–73 % der DIS-Patienten auch die Kriterien für BPS, aber umgekehrt bedeutet das, dass ca. 30 % der DIS-Patienten keine Borderline-Störung haben.
Neurobiologie: Es gibt Hinweise auf unterschiedliche Aktivierungsmuster (z. B. Amygdala-Aktivierung bei BPS vs. Übermodulation/Hemmung bei DIS in neutralen Identitätszuständen).
Mythos 6: Die Behandlung von DIS ist schädlich
Kritiker behaupten oft ohne Datenbasis, dass die Therapie die Symptome verschlimmert.
Evidenz: Die TOP DD-Studie (eine große prospektive Studie) zeigte über 30 Monate hinweg signifikante Verbesserungen bei Dissoziation, PTBS, Depression und Selbstverletzung sowie eine verbesserte soziale Funktionsfähigkeit.
Keine Verschlechterung: In einer Studie verschlechterten sich nur 1,1 % der Patienten, und dies lag an erneuten Traumata oder Lebensstressoren, nicht an der Therapie.
Behandlungsstandard: Die phasenorientierte Therapie (Stabilisierung -> Traumakonfrontation -> Integration) ist der internationale Konsens und führt zu Symptomreduktion.