
Nijenhuis, E. R. S. (2018). Die Trauma-Trinität: Ignoranz – Fragilität – Kontrolle: Enaktive Traumatherapie. Vandenhoeck & Ruprecht.
Ellert Nijenhuis stellt in diesem Abschlussband die praktische Anwendung seiner Theorie vor. Dabei geht es weniger um spezifische „Tools“, sondern um eine fundamentale therapeutische Haltung, die auf vier Säulen ruht:
Der Enaktivismus (Handeln statt Repräsentieren) Nijenhuis bricht mit der Vorstellung, das Gehirn sei ein Computer, der Informationen verarbeitet. Stattdessen ist der Mensch ein lebendiger Organismus, der seine Welt durch Handeln erschafft („enagiert“). Trauma bedeutet, dass diese fließende Handlungskompetenz erstarrt ist. Therapie muss daher neue Handlungsmöglichkeiten im Hier und Jetzt eröffnen, statt nur alte Erinnerungen abzurufen.
Das Organismus-Umwelt-System Ein Individuum existiert nie isoliert. Trauma entsteht und besteht in der Interaktion mit der Umwelt. Nijenhuis betont, dass wir nicht das „Gehirn“ behandeln, sondern das ganze System. Eine Veränderung im Organismus (Patient) erfordert immer auch eine Betrachtung der Umwelt (inklusive der therapeutischen Beziehung). Der Therapeut ist Teil dieses Systems, kein neutraler Beobachter.
Therapie auf Augenhöhe Dies ist der ethische Kern des Buches. Da der Therapeut Teil des Systems ist, kann er nicht „von oben herab“ heilen. Nijenhuis fordert eine partnerschaftliche Beziehung. Der Therapeut ist ein „mitfühlender Zeuge“ und Begleiter, der anerkennt, dass der Patient der Experte für sein eigenes Erleben ist. Machtgefälle werden aktiv reflektiert und minimiert.
Konsens und Utilisation Diese beiden Prinzipien leiten die praktische Arbeit:
Konsens: Therapie darf niemals übergriffig sein. Jeder Schritt, besonders die Arbeit mit traumatischen Erinnerungen, erfordert das volle Einverständnis (auch der dissoziierten Anteile). Ohne Konsens droht Retraumatisierung.
Utilisation: Dieser Begriff (angelehnt an Milton Erickson) bedeutet, dass alles, was der Patient mitbringt, wertvoll ist. Auch „störende“ Symptome, Widerstände oder aggressive Anteile werden nicht „wegtherapiert“, sondern als Ressourcen und kompetente Schutzstrategien verstanden („utilisiert“), um die Integration voranzutreiben.
Auch wenn wir niemals mit dieser Therapiemethode therapiert worden sind, so reicht es für uns schon aus dieses Buch zu lesen und dabei zu verstehen wie wir funktionieren. Wo überall die kleinen Rädchen im Getriebe sind die seit Jahren hacken und einen Vortschritt verhindern.
Nach unserer Meinung ist Nijenhuis einer der wenigen Menschen welche Trauma und Dissoziation in seiner Gänze verstanden hat. Uns ist bisher niemand anderes begegnet der einen so messerscharfen Verstand mit unglaublicher Empathie und einfühlungsvermögen Verknüpfen kann, eben enaktivistisch handelt.
Wir verdanken ihm viel, ohne seine Erkenntnisse würden wir heute nicht da stehen wo wir es heute tun.
In meinem Grundlagenseminar erkläre ich einige Aspekte des Enaktivismus und wie dieser in der Therapie mit chronisch traumatisierten Menschen eingesetzt werden kann um ihnen effektiv zu helfen.