
Van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S., & Steele, K. (2008). Das verfolgte Selbst: Strukturelle Dissoziation und die Behandlung chronischer Traumatisierung (D. Rost, Übers.). Junfermann.
„Das verfolgte Selbst“ gilt international als das Standardwerk zur Theorie der strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit. Die Autoren verknüpfen historische Erkenntnisse (insbesondere von Pierre Janet) mit moderner Neurobiologie und Lerntheorie. Das Buch liefert ein umfassendes Erklärungsmodell für komplexe posttraumatische Belastungsstörungen und dissoziative Störungen und bietet darauf aufbauend einen phasenorientierten Behandlungsansatz.
Kerninhalte und Konzepte:
Das Buch unterscheidet sich von vielen anderen Traumabüchern durch seine akademische Strenge und das klare theoretische Fundament. Die wichtigsten Punkte sind:
Wiederentdeckung von Pierre Janet: Das Buch rehabilitiert die Dissoziationstheorie des französischen Psychologen Pierre Janet (1859–1947) und stellt sie der Freud’schen Verdrängungstheorie gegenüber.
ANP und EP: Zentral ist die Unterteilung der Persönlichkeit in:
ANP (Anscheinend Normaler Persönlichkeitsanteil): Fokussiert auf das Funktionieren im Alltag, vermeidet traumatische Erinnerungen.
EP (Emotionaler Persönlichkeitsanteil): Hängt in der traumatischen Erfahrung fest, reagiert auf Trigger mit Kampf, Flucht oder Erstarren.
Grade der Dissoziation: Die Autoren differenzieren präzise:
Primäre strukturelle Dissoziation: Ein ANP, ein EP (oft bei „einfacher“ PTBS).
Sekundäre strukturelle Dissoziation: Ein ANP, mehrere EPs (oft bei kPTBS oder Borderline).
Tertiäre strukturelle Dissoziation: Mehrere ANPs, mehrere EPs (bei Dissoziativer Identitätsstörung - DIS).
Phasenorientierte Therapie: Es wird detailliert beschrieben, warum die Stabilisierung und der Aufbau mentaler Energie (Integrierende Kapazität) vor der eigentlichen Konfrontation mit dem Trauma stehen müssen.